Das Unvollendete als Lebensrealität

Manche Fragen werden niemals beantwortet. Manche Zerwürfnisse niemals geklärt. Manch ein Geschehnis wird niemals verstanden. Manches Begonnene niemals vollendet, und manch ein jähes Ende niemals getröstet. Das Leben ist ozeanisch, manch eine Welle reiten wir, eine andere reisst uns hinab und wir treiben atemlos wieder zur Oberfläche.

Begriffen wir doch, dass das Leben bedeutet, zahllose Fäden aufzugreifen und wieder fallen zu lassen, und selten, höchst selten mit einem verstehbaren, annehmbaren Beginn und Ende beschenkt zu sein. Wir suchen rastlos Heilung, und verstehen darunter das Vollenden des Begonnenen, das Heilen des Zerbrochenen, das Verstehen des Chaotischen und das Halten einer Ordnung, in der sich jedes Geschehnis artig in einen erkennbar sinnvollen Kontext reiht. Deswegen aber ist unsere Suche rastlos, weil diese Heilung keine ist. Diese Suche trägt alle Zeichen eines Bedürfnisses nach Kontrolle, Kontrolle aber ist tiefe, tiefe Angst.

Heilung würde am ehesten wohl bedeuten, das Fragmentarische anzunehmen, das Flüchtige, das Unvollendete, das Ungeklärte und Unrettbare, das Endliche und das Unkontrollierbare, als Ausdruck des Lebens selbst, und das schliesst ein, dass wir auch uns selbst als Ausdruck dieses Lebens begreifen. Du bist das Ungeklärte für einen Menschen, das Unvollendete, Du bist das Unverstehbare für eine Person und für eine andere das Unkontrollierbare, Du bist für wenigstens einen Menschen der Fels, an dem seine Hoffnungen zerschellen oder sein Glauben an die Ordnung der Dinge. Wir müssen dies begreifen. Es ist nicht möglich, Ozean zu sein, ohne selbst als Welle Wirklichkeiten in den Abgrund zu reissen, die jemandem unabdingbar schienen.

Sich diesen Einsichten zu stellen erfordert großen Mut. Es ist ein ganz anderer Mut als der, den es scheinbar kostet, Dinge eigenmächtig gestalten zu wollen. Es ist der Mut der nicht daran zerbricht, dass wir höchst verantwortlich und schöpferisch sind, und gleichzeitig ausagierende Kräfte einer unbezähmten Wildheit, die jedem Vulkanausbruch, jedem Sturm, ja jeder Sternengeburt zugrunde liegt.

(Giannina Wedde, Klanggebet, Leben aus der Kraft inneren Betens: https://www.facebook.com/pages/Klanggebet/185240691513819)

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